„Wir sind dann mal draußen!“ – Mit Outdoor-Übungen den Berufsalltag verbessern

„Wir sind dann mal draußen!“ – Mit Outdoor-Übungen den Berufsalltag verbessern

„Wir haben als Abteilung einige Teamtrainings mit Outdoor-Übungen gemacht. Und wir sind dadurch zu einem stärkeren Team geworden!“ Dieses Feedback einer Teilnehmerin bringt die Sache gut auf den Punkt: Outdoor-Übungen können eine große Kraft entwickeln – wenn man sie richtig einsetzt.

Es gibt zwei Arten von Outdoor-Übungen: Solche, die die persönlichen Kompetenzen der Mitarbeiter verbessern. Und solche, die die kommunikativen Kompetenzen von Teams steigern.

 

Welche persönlichen Kompetenzen der Teilnehmer können durch Outdoor-Übungen verbessert werden?

Hier geht es um vier Themenbereiche:

  • Wahrnehmung stärken,
  • ‚Berührung‘ erleben und sich ‚berühren‘ lassen,
  • Führen und sich führen lassen und
  • sich Herausforderungen stellen.

 

Wahrnehmung stärken

Wir laufen vielfach ‚blind‘ durch die Welt. Wir sind mit hoher Aufmerksamkeit dabei, uns auf Probleme zu konzentrieren, um diese zu lösen. Wir haben dabei verlernt, zu sehen, zu hören und zu fühlen. Bei Übungen zur Stärkung der Wahrnehmung lernen die Teilnehmer, ihrer Umgebung Aufmerksamkeit zu schenken. Zu sehen, zu hören, zu fühlen, was da ist. Im Austausch innerhalb der Gruppe und dem Coach werden dafür Worte gefunden. Worte, die anfangs ungewohnt wirken, doch nach ein paar Wiederholungen im wahrsten Sinne ‚den Horizont erweitern‘.

Mitarbeiter, die ihre Umgebung gut und offen wahrnehmen können, nutzen ihre Kreativität wesentlich besser. Darüber hinaus sind sie weit besser imstande, Stimmungen und Emotionen bei ihren Kollegen und Mitarbeitern zu sehen, zu benennen und anzusprechen. Damit können aufkeimende Konflikte rasch angesprochen und gelöst werden.

‚Berühren‘ und sich ‚berühren lassen‘

Berührungen sind in unserer Welt weitestgehend auf die Privatsphäre beschränkt. Im Berufsalltag gibt es manchmal einen Händedruck, allenfalls noch ein Schulterklopfen für besondere Leistungen. Bei Outdoor-Übungen werden dezente Berührung und Körperkontakt etwas Selbstverständliches. Eine der bekanntesten Übungen dazu ist die Spinnennetz-Übung, bei der alle Teilnehmer durch ein Netz klettern oder durchgehoben werden müssen, ohne das Netz zu berühren. Eine Herausforderung mit viel Körperkontakt.

In der Reflexion solcher Übungen zeigen die Teilnehmer Berührung. Was bedeutet das? Die Teilnehmer können nach der Übung besser mit Nähe und Distanz umgehen, können andere besser und leichter auf sich zukommen lassen. Und sie interpretieren andererseits Distanz nicht als Ablehnung. Damit wird gelernt, Emotionen sensibler und deutlicher wahrzunehmen. Und die Teilnehmer können auch mit den eigenen Emotionen besser umgehen. Das fördert die Kompetenzen zur Konfliktlösung und erhöht das Charisma der beteiligten Personen

Führen und sich führen lassen

Wer Führung übernimmt, übernimmt Verantwortung. Viele meinen, das kann nur gut sein. Bei Outdoor-Führungsübungen sehen wir uns an, was führen und sich führen lassen eigentlich bedeutet. Welchen persönlichen Stil jeder Einzelne beim Führen hat. Geht er als Führungskraft vorne weg? Oder ist er mitten unter denen, die er führen soll? Ist er bestimmend? Oder unsicher, zögernd? Wie passt er auf jene auf, die sich führen lassen? Führungsübungen werden oft mit verbundenen Augen ausgeführt. Das ‚Nichts-sehen-können‘ führt dazu, sich dem anzuvertrauen, der sieht und dadurch Führung übernehmen kann.

Im Nachgespräch erleben wir als Coach immer wieder, wie unterschiedlich die Führungsstile der Teilnehmer wirken können. Das Feedback der ‚Geführten’ und das Feedback des Coaches liefert den Teilnehmern wertvolle Impulse. Auf der einen Seite erfahren sie, wie und womit sie Führung übernehmen, auf der anderen Seite erfahren sie, wo sie noch dazulernen müssen.

 

Sich Herausforderungen stellen

Wie gehen wir mit Herausforderungen um? Eher blauäugig oder eher vorsichtig? Sind wir grenzenlos zuversichtlich oder denken wir schnell daran, zu scheitern? Gehen wir einfach darauf los oder planen wir sorgfältig? Outdoor-Übungen, die für die Teilnehmer eine Herausforderung darstellen (sollen), haben meistens mit ‚höher-schneller-weiter‘ zu tun. Das heißt, entweder sind Ressourcen oder Zeit knapp, oder das Ziel ist (beinahe) außer Reichweite. Eine der bekanntesten Übungen ist ‚The Pole‘, wo Teilnehmer an einem Telegrafenmast emporklettern und anschließend aus ungefähr 10m Höhe – natürlich gesichert – nach unten springen.

In der gemeinsamen Reflexion mit dem Coach bespricht der Teilnehmer, wie er oder sie mit dieser Herausforderung umgegangen ist und wie er oder sie persönlich auf solche und ähnliche Situationen zugeht. Lernfelder und eine passende ‚Übersetzung‘ in den Arbeitsalltag werden gemeinsam entdeckt und angesprochen. Teilnehmer lernen, sich ihren beruflichen Herausforderungen deutlich bewusster zu stellen.

 

Welche kommunikativen Kompetenzen von Teams können Outdoor-Übungen verbessern?

Neben den persönlichen Kompetenzen können auch die Kommunikations-Skills eines Teams gestärkt werden. Die drei häufigsten Team-Themen, bei den Outdoor-Übungen erfolgreich eingesetzt werden können, sind:

  • Erfolgreiches Zusammenarbeiten erleben,
  • Grenzen erkennen und respektieren und
  • Sich in Konkurrenz begeben.

 

Erfolgreiches Zusammenarbeiten erleben

Es gibt Übungen, die von den Teilnehmern nur gemeinsam gelöst werden können. Hier kommt es darauf an, die kommunikativen Kompetenzen gemeinsam einzusetzen, um zur Lösung zu kommen. Jeder Einzelne hat es in der Hand, ob die Übung gelingt oder scheitert. Oft meinen Teams, dass das Lösungstempo der Schlüssel zum Erfolg ist und übersehen dabei einzelne ‚Mitspieler‘ und relevante Details. Eine beliebte Übung ist ‚KommunikARTio‘, bei der die Teilnehmer mit verbundenen Augen einen Fehler feststellen und korrigieren müssen.

Teams erfahren bei solchen Übungen, wie wichtig unterschiedliches Know-How und unterschiedliche Stärken für den Erfolg des Teams sind. Mit Blick auf Unternehmen heißt das, dass der Vertriebs-‚Stil‘ und sein Bedarf genauso wichtig sind wie beispielsweise Anforderungen aus der Produktion. Teams lernen, miteinander aufmerksam und respektvoll umzugehen, einander gut zu beobachten und zuzuhören.

 

 

Gemeinsame Grenzen erkennen und respektieren

Bei diesen Übungen geht es darum, zu erkennen und zu respektieren, dass Ziele nicht beliebig skalierbar sind. Die Gruppe muss sich entscheiden, wo für sie ‚Schluss ist‘, wann ein  Ziel aus Sicht der Gruppe erreicht ist. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es um gemeinsame Ziele geht und wieder nur alle gemeinsam erfolgreich sein können. Hier kann sich zeigen, dass das von der Gruppe in der Übung gesetzte Ziel für einzelne Teilnehmer zu leicht ist, während sich andere bereits überfordert fühlen.

Das Setzen von Zielen ist für Teams und Unternehmen deshalb besonders spannend, weil eine gut balancierte Entscheidung zwischen ‚zu langweilig‘ und ‚unerreichbar‘ getroffen werden muss. Teams lernen bei diesen Übungen, dass Lust und Frust nahe beisammen liegen und Erfolg sich nicht für alle gleich gut anfühlt bzw. anfühlen muss.

 

Sich in Konkurrenz begeben

Es gibt eine Vielzahl von Übungen, bei denen Teams in Konkurrenz zueinander treten. Die Herausforderung für uns als Coaches besteht darin, einerseits auf die Sicherheit bei diesen ‚höher-schneller-weiter‘-Übungen zu achten, andererseits klar Erfolg und Misserfolg zu benennen. Teams, die nicht Platz 1 belegen, schieben die Schuld gerne den Umständen oder den Coaches zu.

Übungen unter Konkurrenzbedingungen führen einerseits zu hohem Leistungs­einsatz, andererseits folgt der Frust für die ‚Verlierer‘ auf dem Fuß. Hier ist es wichtig, ganz genau auf die Leistung der Teams zu schauen und exaktes Feedback zu geben. Teams lernen, Feedback anzunehmen und sich auch gegenseitig offen Feedback zu ihrer Kommunikation, ihrer Kooperation und ihrer Führungsleistung zu geben.

 

 

Empfehlungen

  • Outdoor ist nicht outdoor. Gemeinsam Spaß zu haben ist noch keine Teamentwicklung.
  • Schauen Sie darauf, ob sich Ihr Team als Team fühlt. Wenn nicht, dann tun Sie was dafür.
  • Bevor Sie ein Teambuilding machen, klären Sie mit dem Coach, was bei Ihnen im Team funktioniert und was nicht.
  • Ersuchen Sie den Coach, Vorgespräche mit dem Team zu führen. Ein erfahrener Coach sieht, was die wichtige Entwicklungsthemen sind.
  • Achten Sie darauf, dass alle dabei sind. Ein Team ist ein Team, wenn alle mitmachen. Wenn es Zweifel gibt, dann klären Sie das vorab.
  • Teamentwicklung dient dazu, gewohnte Grenzen zu überschreiten und Neues zu erfahren und zu lernen. Es dienst nicht dazu, beliebige Herausforderungen zu meistern.
  • Bleiben Sie dran! Die Entwicklung der Teamperformance ist keine einmalige Sache. Ihr Team wächst, wenn Teambuilding keine „Eintagsfliege“ ist.

Zum Weiterlesen

R. Gilsdorf/ G. Kistner u.a, Kooperative Abenteuerspiele Bd. 1-3, 1995-2013

H. Henschel/ I. Welpe, Wilderness-Experience. Motivation ohne Befehl und Gehorsam, 2002

T. Senninger, Abenteuern lernen: Methodenset zur Planung und Leitung kooperativer Lerngemeinschaften für Training und Teamentwicklung in Schule, Jugendarbeit und Betrieb, 5. Aufl. 2004

Michael Theimer

Autor: Michael Theimer

Michael verfügt über unglaublich viel Erfahrung im Aktivieren von Menschen und Teams. Seine Leidenschaft für Outdoor-Sport – vom Paragleiten bis zum Klettern – sind hier eine wichtige Basis. Er legt auf Sicherheit allerhöchsten Wert und probiert immer wieder und gerne etwas Neues, Anderes aus. Und seine Fähigkeit, differenziertes und klares Feedback zu geben, ist beeindruckend.